Die Probleme der 2. Säule spitzen sich zu
Um noch weitere Lücken im Deckungsgrad zu verhindern hat der Bundesrat erst kürzlich beschlossen, die Mindestverzinsung der Pensionskassenguthaben von zwei (früher teilweise über 4%) auf 1.5% zu senken. In der Folge haben grosse Pensionskassen wie diejenige des Bundespersonals (Publica) und der SBB auch die Umwandlungssätze gesenkt. Damit werden sich die Altersrenten vermindern, vor allem der Neurentner. Andere Kassen werden nachziehen. Auffallend Schwierigkeiten haben staatliche Vorsorgewerke, wo der Steuerzahler teilweise Milliardennachschüsse leisten soll.Hauptprobleme bei der 2. Säule sind die zunehmenden Lücken auf der Einnahmenseite. Zu erwähnen sind speziell die tiefen Erträge bei den festverzinslichen Anlagen. Bei einer Rendite der Bundesanleihen von weit unter 1% können die vertraglich zugesicherten Renten nicht mehr garantiert werden. Zusätzlich erschwerend waren im Vorjahr auch die fehlenden Kapitalerträge auf Aktien (Performance 2011 SMI -9%). Die Wertvermehrung bei Gold und Liegenschaften konnten diese Verluste nicht kompensieren.
Ein zweites Problem ist die demographische Veränderung der werktätigen Bevölkerung. Die Menschen werden dank medizinischem Fortschritt und wachsendem Gesundheitsbewusstsein immer älter. Jedes Jahr steigt die Lebenserwartung. Diese nimmt stetig zu und beträgt bei der Pensionierung heute 85.3 (bei den Männern) bzw. 88.8 Jahre (Frauen).
Nicht zu unterschätzen sind die Verwaltungskosten. Was offiziell als höchstens 0.3% für das Bewirtschaften eines Vorsorgeportfolios erwähnt wird, ist oft in der Praxis durch versteckte Bank- und Verwaltungsspesen weit höher, oft doppelt und mehrfach.
Wir haben keine andere Wahl, als in Zukunft die Mindestverzinsung und die Umwandlungssätze weiter zu senken und auf der Gegenseite die Beitragssätze auf den Löhnen zu erhöhen. Solche Massnahmen die dazu führen, dass ein Rentner erheblich weniger verdient wie während der aktiven Lebensarbeitszeit, sind sehr unpopulär, aber unvermeidbar.
Die Kassen werden sich weiter bemühen müssen, die Kosten und Risiken massiv zu senken. Dies bedeutet eine zunehmende Passivierung (Indexierung) von Aktienportfolios, ein besseres Verhandeln bei den Banken und externen Vermögensverwaltern bezüglich Courtagen und anderen Spesen, Einschränkungen bis zum Retrozessionsverbot, ein Verzicht auf Fremdwährungen bei überwiegend inländischen Rentenverpflichtungen und schliesslich eine Reduktion auf Venture-Kapital-Beteiligungen, alternativen Anlagen, Derivaten und Hedge-Fonds auf das absolute Minimum.
Fazit: Das System der beruflichen Vorsorge wurde in den siebziger und achtziger Jahren entwickelt. Damals gab es noch Anleihenszinsen von über 5% und eine durchschnittliche jährliche Aktienrenditen um die 10% oder mehr. Da sich diese Parameter wesentlich geändert haben, werden die Zielrenditen nicht mehr erreicht, steht das ganze System der 2. Säule auf dem Spiel, wenn wir nicht handeln. Neue Lösungen sind absolut zwingend: das heisst Opfersymmetrie, höhere Beiträge der Arbeitnehmer, geringere Renten für pensionierte, Zinsflexibilisierung und auch eine Umstellung des Systems, beispielsweise den Primatwechsel von Leistungs- auf Beitragsprimat.